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04.07.13

Das Schöne am Scheitern

Was uns das Scheitern über das Leben und uns selber lehren kann

Eine Niederlage wirkt häufig stärker und prägt intensiver als Erfolg. Grund dafür ist der Bewertungsmaßstab, der sich in unserer Gesellschaft etabliert hat. Perfektion wird uns an jeder Ecke vorgelebt – oder vorgegaukelt. Allen voran die Werbung mit den schönen glatten Erfolgsmenschen oder die Castingshows, dann die öffentlichen Darstellungen von Unternehmen, Politikern, die polierten Netzwerkprofile und Lebensläufe, die Nachbarn, die Kollegen: sieht alles perfekt aus. 

Dabei ist das so eine Sache mit der Perfektion. Kaum ist da, ist sie auch schon wieder weg. Eine Blume ist nur für einen Moment voll erblüht und perfekt schön. Auf diesen Moment hat sie sich hinentwickelt und von dem wird sie sich auch wieder weg-entwickeln, das nennt sich Leben. Aber der ganze Prozess ist das Leben, nicht der eine schöne Moment. Wir machen uns vor, dass wir irgendwann, irgendwo ankommen könnten. Dort, wo alles erreicht ist, wo das Haus bezahlt ist, der neue Job mit mehr Geld ergattert wurde, die neue Wohnung endlich bezogen werden kann oder der Urlaub losgeht. Wir kommen aber nicht an, niemals, weil es immer sofort weiter geht. Die Bewußtseinsstufe kann sich verändern, dadurch ändert sich das Erleben, die Prioritäten, die Ziele, die Sichtweise. Aber der Zyklus ist eigentlich immer gleich, im Kleinen wie im Großen: Geburt, Leben, Tod. 

Dementsprechend sind Niederlagen genauso zu bewerten wie Siege, sie kommen und gehen.

Vom Sieg abhängig zu sein ist ebenso schädlich wie das anklammern an die Niederlage. Die Frage ist doch: was bringt uns weiter? Sieg oder Niederlage? Der Sieg führt nach außen, die Niederlage nach innen. In dieser Erkenntnis verbirgt sich die Chance, sich zu erkennen und Verantwortung zu übernehmen. Je weniger die eigene Verantwortung nach außen projiziert wird, umso schneller funktioniert die Überwindung der Niederlage. Hilfreiche Fragen dafür sind:  


  • was passiert gerade?
  • warum passiert das?
  • was ist mein Anteil daran?
  • welche inneren Überzeugungen zeigen sich mir in dem Problem?
  • was will ich an mir selbst nicht sehen?

Mit diesen Fragen wird verhindert, dass die Umwelt die Schuld in die Schuhe geschoben bekommt und Sie leer ausgehen, weil Sie nichts aus der Krise gelernt haben.  Und dann bleibt die künstlerische Sichtweise auf das Scheitern: "Alles seit je. / Nie was anderes. / Immer versucht. / Immer gescheitert. / Einerlei. / Wieder versuchen. / Wieder scheitern. / Besser scheitern." schrieb der Schriftsteller Samuel Beckett. Das Scheitern gehört nämlich dazu und wird erst durch eine negative Bewertung überhaupt zum Problem. Wenn wir mal ganz genau überlegen, war die Niederlage eigentlich immer der erste Schritt zum nächsten Sieg. Hätte meine Freundin Katharina nicht einen furchtbar despotischen Chef gehabt, hätte sie nie gekündigt und ihr Glück an der Schauspielschule versucht, an der sie dann als eine von 150 Bewerberinnen genommen wurde. Oder meine Kollegin Christa: ihr Start-up drohte zu scheitern, weil sie von ihren Kooperationspartnern mit der Arbeit sitzen gelassen wurde. Zum Glück, denn so kam sie so unter Druck, dass sie nach neuen Partnern suchte und einen Investor fand.  Der Mensch ist übrigens das einzige Lebewesen, was sein Umfeld negativ interpretiert: oder haben Sie schon mal einen unglücklichen Baum gesehen oder ein genervtes  Eichhörnchen oder einen Hasen, der nicht entspannen kann? Gibt es streitlustige Fische oder depressive Vögel? Nur der Mensch ist zu derartigen emotionalen Reaktionen fähig. Aus einer größeren Perspektive gesehen gibt es kein Scheitern, weil alles Scheitern zu einem neuen Anfang führt.   

Bildquelle: nicolasberlin / photocase.com

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