Burnout – Perspektiven und Prävention

Neue Perspektiven für Betroffene, kritische Gedanken zu „Beratungsmoden“ und präventive Maßnahmen für Unternehmen.

Interview mit Frau Dr. Susanne Dietz über Ihren Arbeitschwerpunkt Burnout –  neue Perspektiven für Betroffene, kritische Gedanken zu „Beratungsmoden“ und präventive Maßnahmen für Unternehmen.

Peats Entsteht Burnout auch im privaten Bereich?  

Dr. Dietz: Ja natürlich, Burnout entsteht da, wo die Belastungen massiv genug sind. Der Organismus unterscheidet nicht zwischen Beruf und Privat, oder zwischen physisch oder psychisch. Wir reagieren auf Stressfaktoren aus den verschiedenen Bereichen. Es geht um die Intensität und Dauer  der Belastung, egal in welchem Bereich sie stattfindet. Die Belastungsmerkmale sind individuell, auch die Belastungssymptome sind unterschiedlich.  

Peats  Können Sie die Symptome zusammenfassen?  

Dr. Dietz: Jedes Immunsystem hat seine eigenen Fallstricke. Herz /Kreislauf - Magen/Darm – Verspannungen/Rückenbeschwerden, alles Mögliche, aber es ist schwer zu sagen, wo das Immunsystem seine Schwächen hat und entsprechende Symptome ausbildet, auch das ist individuell. Relevant ist die individuelle biographische Vorgeschichte und damit die Prägung eines Menschen.  Eine suboptimale Herkunft wäre z. B. eine Familie, in der die Kinder auf irgendeine Art über- oder/und unterfordert werden. Daraus kann ein defizitäres Selbstbild entstehen und dieses kann sich - z.B begleitet von Selbstzweifeln, Ängsten oder latenten Depressionen - weiter erhalten und festigen bis in das Erwachsenenleben.  

Peats  Kann man sagen: die Formel für Burnoutentstehung lautet: Arbeitsüberlastung plus fehlende Annerkennung bzw. latente Selbstzweifel?  

Dr. Dietz: Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Wesentlich ist die subjektiv wahrgenommene Überforderung. Das permanente Gefühl, Ziele nicht zu erreichen, egal, was man tut oder nicht. Für den Königsweg in den Burnout fehlen dann auch bald noch weitere wichtige Variablen: der Spaß und die Möglichkeit zur Selbstmotivation 

Peats Was ist anders nach einem bewältigten Burnout?  

Dr. Dietz: Im Idealfall ist man nach einer erfolgreichen Burnoutbewältigung in der Lage, aktiv Grenzen setzen zu können, weil man mit den Grenzen seiner eigenen Leistungsfähigkeit Frieden geschlossen hat und sich nicht länger unter jeden Druck setzt oder setzen lässt. Ebenfalls sehr wichtig ist das Thema Selbstliebe oder anders gesagt, Unabhängigkeit von der Umwelt.  

Peats  Bitte genauer.  

Dr. Dietz: Selbstliebe meint auch, die eigenen Bewertungsmaßstäbe für Erfolg und Selbstwert anzusetzen, dies also nicht nur der Umwelt zu überlassen. Es ist dabei wichtig, ein eigenes Belohnungssystem aufzubauen, dazu muss man sich selbst erst wieder kennen lernen. Im Burnout haben die Menschen meistens ihre Perspektive zu stark nach außen gerichtet und nicht auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse.  

Peats  Und wie ändert man das?  

Dr. Dietz: Wenn man 40 Jahre lang nach außen geguckt hat, ist es natürlich nicht so einfach, die Blickrichtung zu ändern. Man muss seine Perspektive ändern, sein Lebensskript hinterfragen, Werte und Überzeugungen und anderes ebenfalls. Oft ist die Arbeit am inneren Glaubenssystem und den damit zusammenhängenden Bewertungsmechanismen  schmerzvoll aber notwendig.  

Peats Wie lange dauert das?  

Dr. Dietz: Das kann man pauschal nicht sagen. Manchmal ein halbes Jahr, manchmal fünf Jahre. Manchmal ist es zu spät. Das ist ein Entwicklungsprozess, da braucht jeder Mensch seine Zeit. Auf jeden Fall ist eine sechs-Wochen- Kur für den Anfang hilfreich.  Dort kann ein gewisses Sicherheitsnetz gespannt werden, also zentrale, eigene Themen herausgearbeitet werden, der Selbstwert in den Focus gestellt oder physische Veränderungen etabliert werden, wie z.B. Sport und Ernährung. In der Zeit wird die Landkarte gezeichnet, der Weg ist aber noch nicht gegangen. Der dauert bei einem echten Burnout normalerweise länger.  

Peats Zur Zeit ist das Thema ständig in den Medien, es kristallisiert sich ein „neuer Markt“ für die Beratungsbranche heraus.  

Dr. Dietz: Neue Märkte oder neue Moden gab es schon viele. Das ist nicht nur in der Beratungsbrache immer wieder mal problematisch. Gottseidank springt nicht jeder auf diese Moden an. Es gibt solide und integere Trainer, Coaches und Berater/Beratungsinstitute, die Modeerscheinungen innerhalb der Branche kritisch betrachten und kein Interesse an Trittbrettfahrten haben. Nur leider gibt es auch diejenigen, die wenig hinterfragen und Moden so gewinnbringend wie möglich verkaufen. Kombinationen aus (neuro)psychologischen und psychotherapeutischen Verfahren werden als das ultimative Gelbe vom Ei angepriesen und wie „Produkte“ verkauft. Beim Burnoutthema sehe ich das allerdings kritisch. Der individuelle Mensch mit seinen sehr persönlichen Nöten kann nicht „schnell und effektiv“ wieder eingeordnet werden. Wem das suggeriert wird und wer sich darauf einlässt, wird erneut scheitern. Und das ist wohl das Letzte, was Menschen passieren sollte, wenn sie ihre Grenzen bereits erreicht haben.  

Peats Welche Ausgangspunkte haben Unternehmen, um Burnout-Prävention erfolgreich anzugehen?  

Dr. Dietz: Die Führungs- und Kommunikationskultur eines Unternehmens ist hier besonders hervorzuheben, über alle Hierarchieebenen hinweg, dabei  sind Themen wie Zeitmanagement, Zielbildung und -bindung und vor allem Sozialkompetenz wichtig. Grundsätzlich ist die gleiche Vorgehensweise sinnvoll wie bei OE-Prozessen – sehr kurz gesagt: die Probleme identifizieren, die korrespondierenden Ziele definieren, die Stellschrauben analysieren und die sinnstiftenden Veränderungen gründlich und geduldig etablieren. Beispielsweise kann die Kommunikationskultur fehlerhaft sein, so dass unten wie bei dem Spiel „stille Post“ etwas ganz anderes ankommt als oben gemeint und gesendet wurde. Oder es besteht grundsätzlich ein Anerkennungsdefizit in der Unternehmenskultur. Es kann viele weitere Ursachen geben und diese sind ebenso individuell wie die Symptome. Wichtig ist, die tatsächlichen Ursachen zu erkennen und zu benennen.  

Peats Welche Vorgehensweise ist dabei sinnvoll?  

Dr. Dietz: Das kann man so nicht beantworten – für ein Unternehmen grundsätzlich alles, was in einem OE-Prozess relevant werden kann. Das aufzuzählen, sprengt den Rahmen. Für den einzelnen Arbeitnehmer/Privatmenschen alles, was auf der Individualebene relevant werden kann. Da gilt dasselbe.  

Peats  Welche Maßnahmen können präventiv wirken?  

Dr. Dietz: Weiterbildung und Aufklärung für Führungskräfte und Mitarbeiter, damit alle wissen, was Burnout sein kann und was es nicht ist. Und erkennen, dass es kein persönliches Versagen, auch kein Versagen des Unternehmens, sondern ein gesellschaftsrelevantes Thema ist. Es ist zu relativieren, zu enttabuisieren, wir sollten Türen öffnen. Ziel ist es, Kollegialität und professionelle Zusammenarbeit zu verbessern. Zudem sollte jedes Unternehmen eine dahingehend stringente Führungskräfteentwicklung haben, unbedingt eine konstruktive und proaktive Konfliktkultur etablieren und sicherstellen, dass der Kommunikationsfluss funktioniert. Und das beginnt bereits bei der Auswahl der Führungskräfte, es sollte darauf geachtet werden, dass sie zum Unternehmen passen und Unternehmenskonform weitergebildet werden. Der Recruitingprozess sollte entsprechende Möglichkeiten zur Eruierung bieten.  

Peats  Hier gilt also die Devise: früher an später denken?  

Dr. Dietz: Genau. Das lohnt sich. Eine Studie vom Bundesministerium für Arbeit  bezieht sich auf Krankheitsausfälle. Ein Mitarbeiter, der krank wird und nicht völlig auskuriert wieder zur Arbeit erscheint, kostet das Unternehmen doppelt so viel, als wenn er zu Hause bleibt. Es ist auch schon lange bekannt, das negative seelische Zustände den Arbeitgeber viel Geld kosten, negative physische Zustände ebenfalls, Burnout ist beides.

Bild: Jeff Bergen @iStock.com

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