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24.06.13

Vom Gießkannenprinzip zur gezielten Förderung

Wie aus Skepsis Akzeptanz wurde und wie sich durch die Nutzung von DNLA die Auswahlgespräche verändert haben.

Gespräch mit Marion Dix, Leiterin Fortbildung der Polizeidirektion Hannover, Mitglied der Projektgruppe 'Strategische Neuausrichtung' der Personalentwicklung zu den Fragen, wie die Suche nach einem funktionierenden Bildungscontrolling zu DNLA führte, wie aus Skepsis Akzeptanz wurde und wie sich durch die Nutzung von DNLA die Auswahlgespräche verändert haben.

PEATS  Wie sind Sie auf das Tool DNLA gekommen, um die Maßnahmen bei der Polizei zu unterstützen?   

Marion Dix Vor gut vier Jahren suchte ich nach einer neuen Möglichkeit des Bildungscontrollings. Die Wirksamkeit von Fortbildungsmaßnahmen sollte nicht mehr nur gefühlt erfasst werden. Ich wollte  die Nachhaltigkeit und den Transfer des Gelernten objektiver messbar machen.   

PEATS  Hatten Sie dabei eine konkrete Gruppe von Mitarbeitern im Auge?  

Marion Dix Ja. Im Fokus standen die Angehörigen unseres Förderpools „1. Führungsfunktion“ – eines Pools zur Rekrutierung und Förderung des Führungskräftenachwuchses. Sie nehmen umfangreiche und aufwändige Maßnahmen in Anspruch. Über den Zeitraum  von einem bis anderthalb Jahren absolvieren alle aus dieser Gruppe vier  Basismodule: Rolle und Selbstverständnis, Personalmanagement, Konfliktmanagement und Teamentwicklung. Außerdem absolvieren sie ein einjähriges Führungspraktikum.  Über Umwege wurde ich auf die Firma  BBZ Berlin GmbH aufmerksam. Sie wurde beauftragt, zwei PC-basierte Testverfahren durchzuführen – das erste im März 2009, das zweite im März 2010 –, um Kompetenzveränderungen durch die Fortbildungsmaßnahmen festzustellen. Die Messung erfolgte im Benchmarkingverfahren zu bisherigen Ergebnissen von DNLA in der Wirtschaft. Gemessen wurden Managementkompetenzen und Sozialkompetenz. Die Gutachten waren vertraulich und wurden unserer Behörde nur anonymisiert zugänglich gemacht. Die Teilnahme war freiwillig, aber nach Zusage der Anonymität nahmen alle 26 Förderpoolmitglieder teil, ein Drittel davon waren Frauen. Der Personalrat und die Gleichstellungsbeauftragten wurden von Anfang an eingebunden und stimmten zu.   

PEATS  Wie waren die Reaktionen der Teilnehmer?   

Marion Dix Am Anfang herrschte bei den Teilnehmenden große Skepsis – am Ende hohe Akzeptanz. Die an dem Verfahren unmittelbar Beteiligten zeigten sich sehr überrascht von dem individuellen Wiedererkennungswert der Gutachten. In ihren Stärken und Schwächen haben sie sich treffend dargestellt gesehen. Auch der individuell gestaltete Fortbildungsplan zur Kompetenzsteigerung der minder ausgeprägten Dimensionen hat sich als sinnvoll erwiesen. Aus Sicht des Fortbildungsbereiches war klar erkennbar, dass die Teilnehmenden nach ihrem ersten DNLA-Gutachten viel engagierter, bewusster und konzentrierter die Seminare wahrgenommen haben. Deren Effizienz konnte somit erheblich gesteigert werden.   

PEATS  Welche weiteren Ergebnisse gab es?   

Marion Dix Bei einer Gesamtbetrachtung der Potenzialentwicklung aller Teilnehmenden waren Steigerungen im Bereich der Managementkompetenzen erkennbar. Bei den  männlichen Teilnehmenden lag die deutlichste Steigerung im Bereich Qualitätsbewusstsein; bei den weiblichen lagen sie in den Bereichen Entscheidungsfreude, Konfliktverhalten und Innovation. 

Das ist auch ein interessanter Genderaspekt: dieselben Maßnahmen führen teilweise zu unterschiedlichen Kompetenzerweiterungen. 

Auffällig war, dass die Dimension „Legitimation“ nach Abschluss des Verfahrens unterhalb des Akzeptanzbereichs lag. Teilweise dramatische Entwicklungen im Bereich der Stressbelastung waren insbesondere für die Behörde von Bedeutung und erforderten ein Umdenken. Insgesamt ist eine deutlich positive Entwicklung festzustellen. Und überwiegend sind Steigerungen erkennbar.   

PEATS Wurde die Auswahl der am Förderpool Teilnehmenden bestätigt?   

Marion Dix Zur ersten Messung, im Jahr 2009, erreichten elf der Teilnehmenden den durchschnittlichen Akzeptanzbereich. Nach Auswertung der zweiten Messung, im Jahr 2010, waren es zwanzig Teilnehmende.  Hierdurch war der Beweis erbracht, dass die Maßnahmen deutliche Wirkungen gezeitigt hatten, die durch „Learning by doing“ nicht erreichbar gewesen wären. Sie erinnern sich aber, dass der Förderpool 26 Personen umfasste? Das heißt: Sechs der Teilnehmenden lagen nach der zweiten Messung noch immer unterhalb der als Mindestanspruchsniveau festgelegten Punktezahl, trotz intensiver Förderung und Probeverwendung; drei davon hatten sich sogar gegenüber der ersten Messung noch verschlechtert. Das bedeutete: Sechs waren trotz Förderpoolteilnahme nicht geeignet für die baldige Übernahme einer Führungsfunktion.  Allen sechs war aber durch ihre Beurteiler die Eignung bestätigt worden. Die Teilnahme am Förderpool hatte also nicht zu der erwünschten Filterfunktion einer Erprobungsphase geführt.  DNLA hatte folglich nicht nur unsere Fortbildung „controllt“, sondern gleich das ganze  Fördersystem.   

PEATS Welche Schlüsse wurden daraus gezogen?   

Marion Dix Die Kompetenzmessung durch DNLA hat sich als treffsichere, geeignete Grundlage zur gezielten Personalentwicklung erwiesen.  Eine für alle gleiche Förderung erscheint nicht als sinnvoll, da die Potenziale deutlich auseinandergehen. Eine individualisierte Beratung und Förderung ist zielführender und wirtschaftlicher. Individualisierte Fortbildungspläne führen zu Einsparungen im Fortbildungsbereich sowie zu einem präzisen Einsatz des Personals. Das heißt aber auch: DNLA ist nur als nicht-anonymes Verfahren sinnvoll. Insbesondere die Erkenntnisse zu den Bereichen Legitimation und Stress, aber auch die Gesamtergebnisse erfordern ein Überdenken des bisherigen Verfahrens der Pflichtprobeverwendung.  Das Auswahlverfahren kann reduziert werden durch Selbstreflexion auf Basis des zum DNLA-Prozess gehörenden Feedback-Gespräches. Zum Auswahlgespräch lädt man dann nur die Beteiligten ein, die den Mindestanforderungen entsprechen. Aber auch für unterlegene oder nicht geeignete Bewerberinnen und Bewerber werden sinnvolle Möglichkeiten zur Weiterentwicklung aufgezeigt.   

PEATS Was bedeutete das in Ihrer Behörde konkret?   

Marion Dix Unsere Erkenntnisse flossen 1:1 ein in die neue strategische Ausrichtung der Personalentwicklung der Polizeidirektion Hannover, die im März 2011 vorgelegt und vom Polizeipräsidenten in Kraft gesetzt wurde. Die Umsetzung ist noch im Gang.  

Unser oberstes Ziel ist: die richtige Frau/der richtige Mann an den richtigen Platz, unabhängig von Lebens- und Dienstalter.

Bis 2020 soll außerdem mit Hilfe von Zielquoten und gezielter Gleichstellungspolitik erreicht werden, dass Frauen weitgehend ihrem Beschäftigtenanteil gemäß auch in höheren Funktionen vertreten sind. Führungskräfte werden künftig in ihrem Handeln auch daran gemessen, inwiefern sie Gleichstellungsfragen berücksichtigen.  Die unspezifische Förderung für mögliche Nachwuchskräfte wird aufgegeben. Unsere ganze Aufmerksamkeit und Entwicklungsunterstützung widmen wir statt dessen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die tatsächlich eine höhere Funktion einnehmen werden.   

PEATS Sie haben die Teilnahme am DNLA-Verfahren verbindlich gemacht?    

Marion Dix Ja, für alle Bewerberinnen und Bewerber für höherwertige Funktionen nach Vorauswahl. „Nach Vorauswahl“ bedeutet: nach Abgleich mit den Anforderungsprofilen und den bestehenden Beurteilungen. Genderkompetenz und Diversitykompetenz wurden auf unseren Vorschlag hin als neue Dimensionen in DNLA implementiert und sind damit erstmals neutral messbar. Hinzu kommt: Wenn diese beiden Dimensionen Teil des Messverfahrens sind, werden sie auch von bisher nicht an diesen Themen interessierten Fach- und Führungskräften ernst genommen. Das ist schon jetzt an den hohen Bedarfszahlen für Genderseminare messbar.   

PEATS Welche Rolle spielt das Feedback-Gespräch?   

Marion Dix Wir erwarten eine deutlich gesteigerte Bereitschaft zur Selbstreflexion möglicher Bewerber/-innen und ein bewussteres Bewerbungsverhalten, beispielsweise das Zurückziehen von Bewerbungen bei deutlichen Abweichungen vom erwarteten Mindeststandard, mittelfristig sogar die Reduzierung von Bewerbungen. Von nicht berücksichtigten Bewerber/-innen wird erwartet, dass sie auf Basis des Gutachtens selbstinitiativ ihre Weiterentwicklung betreiben.  Die Auswahlentscheidung fällt idealtypisch drei bis zwölf Monate bevor die Funktion frei wird. Anschließend fließen die Erkenntnisse des DNLA-Gutachtens und des Feedback-Gespräches ein in einen individuellen, aber verpflichtenden Förderplan auf der neuen Dienststelle. Es folgt eine spezifische, individualisierte Förderphase von mindestens zwölf Monaten. Die Feststellung der Bewährung und damit die Einweisung in den Dienstposten erfolgt bei erstmaliger Übertragung eines Fach- oder Führungsamtes nach sechs Monaten. Nach sieben bis acht Monaten der Förderphase wird die Messung wiederholt, um Entwicklungen aufzeigen zu können und die Teilnehmenden noch sicherer zu machen.   

PEATS Wie ist der aktuelle Stand der DNLA-Einführung bei der Polizeidirektion Hannover?   

Marion Dix Die Qualifizierung interner Feedbacker ist abgeschlossen. Die Akzeptanz jener fünfzig Teilnehmenden an DNLA, die wir für die Qualifizierung der Feedbacker brauchten, ist ebenfalls hoch. Seit Februar 2013 setzen wir DNLA in Auswahlverfahren verpflichtend ein. Personalrat und Gleichstellungsbeauftragte haben wir von Anfang an eingebunden. Sie tragen die Einführung voll mit. Auch die erforderlichen Absprachen mit dem Innenministerium waren erfolgreich.  

Wir sind jetzt eine quasi „informelle Pilotbehörde“, andere Polizeibehörden haben schon ihr Interesse bekundet.

Einige Arbeit hat uns die rechtlich sattelfeste Einbindung in das Auswahlverfahren bereitet, was jetzt aber gelöst ist. Auch die strikte Einhaltung der datenschutzrechtlichen Bestimmungen ist natürlich gesichert.   

PEATS Hatten Sie erwartet, dass DNLA so erfolgreich ist und so große Veränderungen bewirken kann?   

Marion Dix Ich würde sagen: Unverhofft kommt oft. Anfangs suchte ich nur eine Möglichkeit, aufwändige Fortbildungsmaßnahmen auf ihre Wirkung hin zu messen. Insgeheim habe ich natürlich auch im Hinterkopf gehabt: Ich gucke mir DNLA gleichzeitig mal unauffällig an, um zu sehen, wie treffsicher es ist. Und dann hat es unser Fördersystem für Fach- und Führungskräfte grundlegend verändert. Vom Gießkannenprinzip zur individuellen, gezielten Förderung. Das war auch für mich unerwartet. Nach fast vier Jahren lässt sich festhalten: DNLA hat einen ganz wichtigen Beitrag geleistet zur Neuausrichtung unserer Fach- und Führungskräfteentwicklung.   

PEATS Vielen Dank für das Gespräch!

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