Gudrun Kittel-Thong

Bitte ergänzen Sie die Angaben.

05.03.13

Von der Anstrengung bei der Entspannung

Weshalb wir echte Entspannung erst erleben, wenn wir lernen loszulassen

Entspannung ist ‘in’ in Deutschland. Ent-Spannung als Gegenstück zur An-Spannung in der Arbeitswoche, als Burnout Prophylaxe oder zur Erhaltung der Gesundheit ist eine immer wieder aktuelle Lösung. Die Angebote sind in Anzahl und Unterschiedlichkeit so groβ wie noch nie. Für jeden ist etwas dabei: Sie können vorübergehend ins Kloster gehen, sich östliche Bewegungsentspannung aneignen, Nordic Walken, Meditieren, in Schlamm packen lassen oder oder oder. 

Wie kommt es dann, dass bei all diesen Optionen bei Vielen der Stress bleibt und sich keine Entspannung einstellt? Wie kommt es, dass Sie zwar eine ganze Reihe von Methoden ausprobiert haben, manchmal einen Anflug von Ruhe empfunden haben, aber grundsätzlich doch immer noch ‘am Rad drehen’? 

Entspannung kann man lernen. 

Als Kinder lernen wir am ‘Modell Eltern’ und das setzen wir – meist unbewusst – im Erwachsenenleben fort. Erinnern Sie sich einmal: wie haben sich Ihre Eltern entspannt? Wann und wie fand dies statt? War es überhaupt ‘erlaubt’? Gehörte Nichtstun in die Familienkultur? Falls Sie in die chronologische Alterskategorie der 55+ gehören, sind Sie wahrscheinlich Kinder, deren Eltern den 2. Weltkrieg hautnah erlebt haben und das hat auch Sie unmittelbar geprägt. Entspannung und Muβe sind daher vielleicht eher ein ‘Luxuszustand’ oder etwas, was man sich wirklich ‘verdienen’ muss und nicht einfach nehmen und genieβen. 

Alkohol und Zen 

Beide Methoden helfen, Abstand zum unmittelbaren Selbsterleben zu schaffen. Alkohol durch Betäubung und Wahrnehmungsabnahme, Zen durch innere Energie- und Bewusstseinszunahme. Alkohol gluckern ist einfach und hat einen schnellen Effekt, Zen ist grundsätzlich auch einfach, braucht aber die bewusste Teilnahme. Alkohol ist eine gesellschaftlich geduldete und erlaubte Droge, Zen ist keine Droge und in der westlichen Gesellschaft noch nicht so ganz verstanden. Angestebt ist in beiden Ansätzen u.a. eine Lebensebene, die nicht überwältigt, neue Handlungsmöglichkeiten öffnet und Selbstwirksamkeit erleben lässt.  Je dringender dies Bedürfnis ist, umso schneller soll Entspannung greifen. Eine Quick Fix Methode ist gewünscht, die nicht allzu zeitaufwendig ist und sofort wirkt. Vergessen wird dabei, dass sich der Anspannungszustand des einzelnen über eine längere Zeitspanne entwickelt hat und Entspannung sich auch erst nach und nach einstellen kann.  

Fleiβkultur 

Es gibt über 40 deutsche Redewendungen in Bezug auf Hände und die meisten haben damit zu tun, etwas zu tun:  


  • Das Heft in der Hand halten
  • An etwas Hand anlegen
  • Eine feste Hand
  • In die Hände spucken
  • Etwas in die Hand nehmen
  • Alle Hände voll zu tun haben

Die Fähigkeit oder Einstellung zur Entspannung ist deshalb auch maβstäblich von der Kultur und Konditionierung geprägt, die wir erleben.  In meinen Entspannungsangeboten erlebe ich immer wieder, wie es Anfängern, d.h. Menschen, die sich zum ersten mal bewusst auf eine Entspannungsmethode einlassen, nicht leicht fällt, wirklich loszulassen. Sie zögern, die Verantwortung abzugeben. Sie brauchen eine Weile um zu vertrauen, dass es momentan so wie es ist OK ist und nichts getan werden braucht.  Denn all das, was wir in der Gesellschaft gelernt haben, zählt bei einer tiefen Entspannung nicht mehr:  

  • Man muss nicht die vollkommene Kontrolle halten, sondern kann zulassen, was an Gedanken und Gefühlen kommt
  • Man darf passiv sein und eher beobachten, hinschauen ohne zu reagieren
  • Man muss hier keine Fehler befürchten, weil es kein Richtig oder Falsch in der Entspannung gibt.
  • Es gibt keinen Leistungsdruck und keine Erwartungshaltung, jeder geht seinen Entspannungsweg im eigenen Rhythmus

Die Aufmerksamkeit auf sich selbst lenken, Ein-Sicht erlangen ist erwünscht und hat nichts mit Egozentrik zu tun.  

Can of Worms 

Entspannung oder Versenkung in sich selbst öffnet inneren Freiraum, der buchstäblich ausatmen lässt. Gleichzeitig machen sich dann auch manchmal Bilder oder Erinnerungen bemerkbar, die sonst im Hintergrund gehalten werden.  In Gesprächen wird immer wieder die Befürchtung ausgesprochen, welche emotionale Pandoras Box man wohl öffnet, wenn Emotionen und Gedanken Gelegenheit gegeben wird, sich bemerkbar zu machen. Welcher schreckliche und unbezähmbare ‘Persönlichkeitsdrache’ dann wohl zum Vorschein kommt.Kein Grund zur Besorgnis, denn hier geht es darum, diese Gefühle zuzulassen und bewusst wahrzunehmen. Häufig genügt dies schon, um sie dann gehen zu lassen, sie wollen eben gehört werden statt immer wieder abgewimmelt.  

Finden Sie Ihre Entpsannungsart 

Zwingen Sie sich nicht zum Stillsitzen, wenn Sie sich in Bewegung besser fühlen. Gehen Sie nicht Nordic Walken, wenn Sie lieber mit den Händen in der Tasche schlendern. Nehmen Sie sich nicht jeden-Tag-eine-halbe-Stunde-entspannen vor, wenn es doch nur für zehn Minuten reicht. Aber tun Sie das, wofür Sie sich entscheiden mit vollem Fokus – kein Multitasking, kein Ohr beim i-Phone...  

Weitere Entspannungskriterien

  • Wenn Sie sich entspannen möchten, geben Sie sich als Erstes selbst die Erlaubnis dazu: “Ich darf.” (und die Welt/die Firma/die Familie besteht weiter, auch wenn ich mal kurz (oder lang) weg bin) 
  • Folgen Sie Ihrem Bauchgefühl, wenn Sie sich Entspannungsangebote anschauen.Was spricht Sie unmittelbar an:Drinnen oder drauβen etwas tun? Allein, zu zweit oder in einer Gruppe? In Bewegung oder in körperlicher Ruhe?
  •  Bleiben Sie eine Weile bei der von Ihnen gewählten Methode, damit sie greifen kann. • Haben Sie keine Erwartungen, was dabei rauskommen soll... 
  • ... stattdessen beobachten Sie neugierig-wohlwollend.  Sport, Spiel, (Ent)Spannung – geben Sie diesen Aspekten wieder mehr Platz in Ihrem Leben. 

Ich wünsche Ihnen viel Spaβ dabei!

Bild: littlehenrabi @ iStock.com 

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