Markus Frey

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18.09.12

Unversöhnlichkeit - das Loch im Energietank

Vergebung hilft bei Hass und Unversöhnlichkeit

Es war zu Beginn der 90er Jahre als ich der Rede eines Psycholgieprofessors einer großen Universität zugehört habe. Das meiste habe ich wieder vergessen, aber eine Aussage ging mir nicht aus dem Kopf, obwohl es eher eine Nebenbemerkung war. Er vertrat damals die Ansicht, dass wir etwa ein Drittel der Patienten in deutschen psychiatrischen Kliniken nach Hause schicken könnten, wenn die Leute denn vergeben könnten.

Unvergessen weil vielfach bestätigt 

Vielleicht hätte ich die Aussage des Psychologieprofessors längst vergessen, wenn ich sie in meiner Alltag nicht so häufig bestätigt gefunden hätte. Nachtragen, Hass und Unversöhnlichkeit habe ich so oft als gefräßigen Energieräuber erlebt, dass ich einfach nicht daran vorbeikomme, mich mit dem Thema in meinen Vorträgen, Seminaren, Coachings und Publikationen regelmäßig auseinanderzusetzen. Sicher, mir ist schon bewusst, dass das Vergeben zuweilen sehr, sehr schwer fällt. Auch verschließe ich keineswegs die Augen vor der Tatsache, dass „der Mensch des Menschen Wolf“ und zuweilen zu schlimmen Dingen fähig ist. Dass viele Menschen schon aus egoistischen Motiven vergeben sollten, ist ein Gedanke, der mir trotzdem schon recht häufig gekommen ist. 

Viktor Frankl: „Ich weigere mich, meine Widersacher zu hassen" 

Einer, der dies nicht nur gedacht und geschrieben, sondern vor allem in einem schweren Schicksal durchbuchstabiert hat, war der große Psychologe Viktor Frankl. Seine ganze Familie ist in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ums Leben gekommen, er selbst hat nur knapp überlebt. Trotzdem ist er in den ersten Nachkriegsjahren zunächst in Österreich geblieben und hat sich stets geweigert, von einer „Kollektivschuld“ der Deutschen zu sprechen. Viktor Frankl hat schon im KZ erkannt, was für ein gewaltiger Energiefresser der Hass, das Nachtragen und die Unversöhnlichkeit ist. Dies gilt auch heute noch, wie ich auch aus meinem, unvergleichlich weniger dramatischen, Alltag bestätigen kann. Dabei ist es durchaus nicht so, dass ich es nicht verstehen könnte, dass das Vergeben zuweilen auch sehr schwer fallen kann. Neben aller Begeisterung für das Potential, das jedem Menschen innewohnt dürfen wir auch nicht die Augen davor verschließen, dass er auch immer wieder des Menschen schlimmster Feind ist. Trotzdem ist mir schon oft der Gedanke gekommen, dass viele Menschen schon aus egoistischen Gründen vergeben sollten.  

Wer vergibt ist stärker! 

Die Dimension ist selbstverständlich eine andere als bei Viktor Frankl, aber Lebensenergie ist auch für einen Menschen, der mit anderen Anforderungen fertig werde muss die entscheidende Ressource. Eine Ressource, auf die immer mehr Menschen ihren Zugriff verlieren, wie die geradezu epidemische Verbreitung des Burnout-Syndroms zeigt. Bei nicht wenigen von ihnen habe ich schon den Eindruck gehabt, dass sie viel mehr Energie zur Bewältigung ihrer Anforderungen zur Verfügung gehabt hätten, wenn sie denn gelernt hätten, zu vergeben. Wenn dann zur Unversöhnlichkeit noch irgendein Belastungselement dazukommt… ist der Burnout tatsächlich oft nicht mehr weit.  

Vergebung – zentrales Wesenselement der christlichen Botschaft 

In der christlichen Überlieferung ist die Botschaft von der Versöhnung das zentrale Element. Aber auch wenn die Feste dazu, Karfreitag und Ostern, zu Herbstbeginn weit weg sind, wäre es doch (nicht nur wegen unserer Lebensenergie, aber gerade auch deswegen) eine großartige Sache, wenn wir uns auch in einer anderen Jahreszeit davon inspirieren ließen, vergeben zu lernen zu lernen und auch unangenehme Erlebnisse mit Menschen dort zu lassen, wo sie hingehören: in der Vergangenheit.

Bild: Portishead1 iStock.com

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